In Neuyork

Handschriftliche Digitalisierung von § 84 (Seite 99) des 1928 erschienenen Quellenlesehefte mit Bildern – III. Hauptteil: Fremde Erdteile, von H. Harms im Lift & von Bressensdorf Verlag Leipzig veröffentlicht.

Neuyork.

In Neuyork.

§ 84. Neuyork (New York, nju jork) zählt als das „Größere Neuyork“ (mit Vororten) 5,5 Mill. Einw., darunter 0,5 Mill. Deutsche, und ist weitaus die erste Stadt Amerikas. Ja, die Amerikaner bezeichnen das „Größere Neuyork“ bereits stolz als die größte Stadt der Erde, die 8,4 Mill. Einw. besitzt (Groß-London 7,5) und 3200 qkm Fläche bedeckt (London 1600, Berlin nur 880 qkm). Der 1913 eröffnete Hauptbahnhof ist der größte Bahnhof der Welt Er ist bis zu einer Tiefe von fast 20 m im Felsgrund ausgehoben, hat nur unterirdische Gleise und elektrische Aufzüge (keine Treppen!), ist etwa 1200 m lang und 300 m breit (der Leipziger Hauptbahnhof ist 300 m lang). Neuyork steht an Seehandel nur London nach. Zugleich ist es die wirtschaftliche Hauptstadt und die erste Industrie stadt der V. St. Es nimmt als Geldmarkt seit dem Weltkriege den ersten Platz in der Welt ein (London überholt!) und bewältigt fast die Hälfte des gesamten Außenhandels der V. St. Nach seinem Auslandsverkehr ist es der erste Hafen der Welt.

Die Einfahrt in den größten Hafen der Neuen Welt ist von überwältigender Großartigkeit. Gegen 7-8 Mill. Menschen wohnen auf der von einem Wald von Masten umgebenen Felseninsel Manhattan und den ihr gegenüberliegenden Ufern. Diese Menschensammlung hat Riesenwerke der Technik zur Folge, wie sie kaum sonst in der Welt zu finden sind. Vor der Manhattaninsel erhebt sich auf einem kleinen Felsen mitten in der weiten Bucht von Neuyork das gewaltige Standbild der Freiheit (1), ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten zu ihrem hundertjährigen Geburtstage. Sie ist das weitaus größte Standbild, das je von Menschenhand geschaffen wurde. Auf einem 47 m hohen Granitsockel steht die menschliche Riesenfigur, in ihrer hocherhobenen Rechten eine Fackel tragend. Die Höhe der Figur, in deren Kopf 40 Personen Platz haben, beträgt 46 m (Germania auf dem Niederwald 12,5 m, Hermannsgestalt im Teuteburger Walde 28 m).

Die zunächst ins Auge springenden Bauten sind die gewaltigen Brücken (Die Kaiser-Wilhelm-Brücke bei Müngsten ist 0,5 km lang und spannt mit dem Bogen 171 m, die Levensauer Hochbrücke 164 m. Die Revensburger Hochbrücke ist ohne die Dammschüttungen 2,5 km lang und hat über dem Kanal eine Mittelöffnung von 140 m und 2 Seitenöffnungen von je 77 m. – Die neue Hoanghobrücke bei Tsinan (gebaut von einer Augsburger Maschinenfabrik) ist 3,5 km lang. Eine alte Steinbrücke in China über den Arm des Gelben Meeres mißt 9 km. – Die Taybrücke bei Dundee ist 3,5 km lang. – Die Firth of Forth-Brücke hat Spannweiten von 520 m.), die Neuyork mit seinen Vorstädten verbinden. Vor allem gefällt die (ältere) Brooklyn- oder East Riverbrücke, die auf zwei turmhohen Steinpfeilern, 41 m über dem Wasser, ruht und nach Brooklyn führt. Sie gehört zu auch jetzt noch zu den größte Hängebrücken der Welt. Ihre Länge, einschließlich der Zufahrten, beträgt 1827 m. Die Brückenbahn hängt an vier Stahldrahtseilen von fast einem halben Meter dicke. Die Williamsburgbrücke, die weiter flußaufwärts über den East River führt, hat nebeneinander 2 Eisenbahn- und 4 Straßenbahnsträngen, 2 Wagenfahrbahnen, 2 Radfahrer- und 2 Fußwege. Außer diesen beiden sei noch die Washingtonbrücke erwähnt, die weiter stromaufwärts den Hudson überspannt. Ihre Kabeltürme sind die höchsten Steinbauten der Welt. Sie übertreffen mit ihren 173 m die Höhe des größten Kirchturmes der Welt, des vom Ulmer Münsters, noch um 12 m.

Mit der riesenhaften Zunahme des Handels und Verkehrs sind in den großen Städten der Vereinigten Staaten die Bodenpreise ungeheuer gestiegen. Das hat in der Hauptgeschäftsgegend Neuyorks (wie auch in Chicago, Pittsburg, Philadelphia, San Francisco, Los Angeles) zur Errichtung von sogenannten Wolkenkratzern geführt. Besonders im Südteil der Insel Manhattan, im eigentlichen Neuyork, steigen dergleichen Stahlriesen in immer größerer Zahl über das Häusermeer empor. Man meint, die Wolkenkratzer könnten mit die Ursache sein, daß sich in Neuyork Sommerhitze nachts nicht abkühlt und daher so erschlaffend wirkt. Alljährlich werden Dutzende gebaut. Im Geschäftsmittelpunkt Neuyorks, im unteren Broadway und seinen Seitenstraßen, geht man schon daran, die oberen Stockwerke der 20-30stöckigen Wolkenkratzer durch leichte Stahlbrücken miteinander zu verbinden.

Viel bewundert wurde unter den Wolkenkratzern früher das „Plätteisen“ (2) an der spitzen Kreuzung des Broadway und der 5. Avenue, dieser beiden Hauptgeschäftsstraßen der Riesenstadt (Avenue heißen die norsüdlich gerichteten großen Längsstraßen mit Baumreihen, namentlich im „oberen“ (nördlichen) Neuyork; sie sind meist nach Zahlen oder Buchstaben benannt. Die 5. Avenue ist die feinste Straße Neuyorks; hier wohnen, zum Teil in äußerlich unscheinbaren Palästen, die Millionäre und Milliardäre. Zugleich liegen hier u. a. Riesenhotels. Der Broadway, das Herz Neuyorks, zieht sich etwa 8 km weit nordsüdlich durch die ganze Stadt, eine der längsten Straßen der Welt. Im Gegensatz zu der ruhigeren 5. Avenue herrscht hier ein überwältigender Verkehr. – Die vielen kürzeren Verkehrswege, die die Avenuen in der Richtung Hudson-East-River rechtwinklig queren, heißen „Straßen“ (streets); sie sind von 1 an nummeriert. Das ältere Neuyork, die „untere Stadt“ an der Südspitze Manhattans, ist von Landungsplätzen, Kais und Speichern umgeben.; es ist das Hauptgeschäftsviertel mit zahlreichen Börsen (Baumwoll-, Petroleum-, Kaffee-, Kohlen- und Eisen-, Produkten- usw. Börse) und vielen „Wolkenkratzern“.) Das „Plätteisen“ bildet einen dreikantigen Turm von 30 Stockwerken und 95 m Höhe (als wenn 20 Riesenplätteisen (3) aufeinandergesetzt wären). Bei keinem, selbst nicht bei viel höheren Gebäuden, zeigt sich die Kühnheit der Bauart in so wuchtiger Form. Das „Plätteisen“ wird eben „nur“ von fünf sechsstöckigen Gebäuden umgeben und wirkt auf dem weiten Platze desto überwältigender. Es teilt den riesigen Menschenstrom jener beiden Hauptadern des Weltstadtverkehrs; es spaltet die Winde, und um seine scharfen Kanten weht es unausgesetzt wie auf dem Domplatz in Köln.

Viel anmutiger und natürlicher wirkt das Gebäude der „Metropolitan-Lebensversicherungsgesellschaft“, nicht weit vom „Plätteisen“. Über einem Hauptgebäude von „nur“ 11 Stockwerken steigt hier ein gewaltiger schlanker Eckturm in 50 Stockwerken 225 m empor (das ist fast bis zur 1,5 fachen Höhe der Türme des Kölner Doms). Ähnlich wirkt auch das „Singergebäude“ (181 m hoch).

Ganz anders, viel massiger, mächtiger dagegen ist das „Hudson Terminal-Gebäude“ (4). Ein einziges Dach überspannt diese Stadt von 22 Stockwerken über und 4 Stockwerke unter der Erde. Ganz zu unterst ist ein Bahnhof mit Einrichtungen für einen täglichen Verkehr von 500.000 Fahrgästen. Was für Zwerge sind all die anderen Riesenbauten, der Vatikan in Rom, der Escorial in Madrid, der Winterpalast in Leningrad gegenüber dem Hudson Terminal! (Dabei darf nicht vergessen werden, daß der amerikanische Großstädter – wie der Engländer – überwiegend in kleinen Häusern wohnt, da er das abgeschlossene Eigenhaus liebt, hatte doch 1920 jeder zehnte Nordamerikaner ein eigenes Wohnhaus). – Es ist eine ganze Stadt für sich, eingeschachtelt mitten im Geschäftsviertel von Neuyork. Hoch darüber aufragend, tief darunter reichend, ein Berg aus Stahl und Mauerwerk mit Straßen, die übereinanderliegen, mit Banken, Post, Telegraphen- und Telephonämtern, Feuerwehr, Polizei, Kaufläden, riesigen Gas- und elektrischen Werken, Dampfmaschinen, Vergnügungsstätten, Bahnhöfen, Wirtshäusern, Klubs, Cafés und einem öffentlichen (Dach-)Garten, der hoch über Neuyork liegt. Die Einwohnerzahl dieser Stadt aus Stahl kann 10.000 Seelen betrage, 10.000 am Tage, und nur einige hundert zur Nachtzeit. 5.000 Räume stehen ihnen zu Gebote oder, wenn man den Durchschnitt eines gewöhnlichen Wohnhauses mit 10 Räumen annimmt, 500 Häuser. „Hudson Terminal“ hat eine Einwohnerschaft von aufs angespannteste arbeitende Männern, mit mehr Millionären, als irgendein Ort der Erde sie besitzt, dabei keine Armen, Bettler oder Kranken. Auch keine Priester oder Kirchen. Der einzige Gott, dem hier gehuldigt wird, ist der Mammon. Um das „Terminal“ zu bauen, mußte man einen großen Krater von 300 m Durchmesser und 30 m Tiefe aus dem Felsen sprengen und dann 24 Millionen Kilogramm Stahl und über 60 Millionen Bauziegel aufeinandertürmen. Das Gebäude der „Equitable“, einer Versicherungsgesellschaft, erreicht mit 62 Stockwerken 300 m Höhe.

Natürlich können die Leute die ihre Geschäftsraume in so wolkenumzogenen Höhen haben, nicht Tag für Tag mehrere Bergbesteigungen machen. Sie werden in Aufzügen hinauf- und hinabbefördert. Das Equitable-Gebäude hat nicht weniger als 38 Aufzüge, darunter sind 12, die bis zum 12 Stockwerk in jedem einzelnen anhalten. Andere durchfliegen diese 12 Stockwerke und diesen dem Verkehr zwischen dem 13. und 20. Stock, und die übrigen sind für den „Fernverkehr“ bestimmte D-Züge mit der ersten „Station“ im 20., 30., 40. oder 50. Stockwerk.

Fortsetzung In Neuyork (3 – Der Verkehr) folgt binnen der nächsten Tage.

H. Harms Quellenlesehefte mit Bildern III. Hauptteil Fremde Erdteile. 1928, List & von Bressendorf / Leipzig

Bemerkungen:
1) Das Standbild der Freiheit – Freiheitsstatue – Statue of Liberty
2) Das Plätteisen ist das Flatiron Building (s. wikipedia)
3) Plätteisen sind gusseiserne, alte Bügeleisen
4) Hudson-Terminal, Vorgänger des World Trade Centers (s. wikipedia)

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