Kurze Geschichte der Methode Toussaint-Langenscheidt

Kurze Geschichte der Methode Toussaint-Langenscheidt
1856 veröffentlichte der Berliner Gustav Langenscheidt (1832-1895, vgl. de.wikipedia.org) zusammen mit dem Franzosen Charles Toussaint (1813-1877, vgl. de.wikipedia.org) die Unterrichtsbriefe zur Erlernung der französischen Sprache. Damit legten sie den Grundstein für den, uns allen bekannten, Langenscheidt-Verlag. Nach und nach veröffentlicht der Verlger Langenscheidt in Zusammenarbeit mit anderen Sprachlehrern und -wissenschaftlern, weitere Sprachlernbriefe zum Selbstunterricht. Im Katalog der Langenscheidtschen Verlagsbuchhandlung von ca. 1914 begründen sie den Selbstunterricht wie folgt:

Der Kampf ums Dasein, der heute härter ist als je zuvor, fordert in allen Stellungen und Berufen von uns umfassende Sprachkenntnisse. Das grammatische Wissen, das viele von der Schule mitbringen, kann im praktischen Leben wenig nützen. Hier wird ein sicheres Können und die Fähigkeit, die fremde Sprache richtig und gut anzuwenden, verlangt. Zu dieser Vollkommenheit führt aber weder das Studium einer Grammatik, noch Stunden bei einem Privatlehrer. Auch der Aufenthalt im fremden Land hat ohne gründliche Vorkenntnisse fast nie den gewünschten Erfolg. So bleibt nur noch der Selbstunterricht, und auch dieser ist zwecklos, wenn er nicht nach einem guten, praktischen System betrieben wird. Ein solches fehlte, bis Professor Gustav Langenscheidt zusammen mit Professor Charles Toussaint die Unterrichtsbriefe nach der Methode Toussaint-Langenscheidt herausgab, eine Erfindung von ähnlich kultureller Bedeutung wie die der Dampfmaschine oder der Elektrizität… (aus „Die Methode Toussaint-Langenscheidt – Katalog der Langenscheidtschen Verlagsbuchhandlung“, c1914/18, S. 5)

Auch wenn die Beschreibung vielleicht etwas übertrieben ist, genossen die Briefe große Beliebtheit: Vor der Methode Toussaint-Langenscheidt gab es schon einige andere Unterrichtsmethoden (vgl. de.wikipedia.org), aber keine andere hat sich so bewährt, wie die Langenscheidts. Das frühere blau-rote Design (meiner Meinung nach deutlich schöner…) wurde 1956 durch das blaue „L“ auf gelben Grund ersetzt. Das „L“ bestand wiederum schon seit 1882, als das bekannte Logo mit der Weltkugel und dem Schriftzug „Ohn‘ Fleiß kein Preis“ eingeführt wurde. Im vergangenen Herbst hat der Langenscheidt-Verlag nun erneut eine Desing-Änderung vorgenommen – das „L“ blieb erhalten…

Titelblatt des ersten Sprachlernbriefes Niederländisch

Titelblatt des ersten Sprachlernbriefes Niederländisch


Die Unterrichtsbriefe wurden ständig erweitert – das Konzept wurde erst Ende der 1950er Jahre aufgegeben, und durch Kursbücher abgelöst. Bis zuletzt erschienen 14 Unterrichtsbriefe, oder auch Sprachlernbriefe:
Englisch (van Dalen, Lloyd und Langenscheidt)
Französisch (Toussaint und Langenscheidt)
Altgriechisch (Tegge)
Italienisch (Sabersky und Sacerdote)
Lateinisch (Willing)
Niederländisch (Bierhout und Altena)
Polnisch (Krasnowolki und Jakob)
Rumänisch (Ghite Pop und Weigand)
Russisch (Garbell, Blattner, Körner Marnitz und Verwow)
Schwedisch (Jonas, Ebbe Tuneld und Morén)
Spanisch (Gräfenberg und Don Antonio Paz y Mélia)
Ungarisch (Balassa und Palóczy)
Hebräisch (Willing)
Portugiesisch (Luise Ey.)
Später erscheinen auch Unterrichtsbriefe zum Deutschlernen.

Das Prinzip der Sprachlernbriefe war einfach: Man abonnierte die Briefe und erhielt dann wöchentlich oder monatlich einen Brief, mit einem Text und verschiedenen Aufgaben zum Textverständnis und zur Grammatik. Somit brachte man sich ohne Lehrer die Sprache bei. Nach den, in der Regel, 36 Briefen erhielt man ein Diplon, eine Bescheinigung zum erfolgreichen Bestehen des Unterrichts. Die Briefe einzeln (im Handel auf Bestellung) kosteten eine Mark (4-5 €*, vgl. de.wikipedia.org). Der Unterricht bestand aus 2 Kursen mit je 18 Briefen und 36 Lektionen -je Brief zwei Lektionen, je Lektion ein Text. Die Texte waren in der Regel fortlaufend über mehrere Lektionen. Die Lösungen zu den Aufgaben der einen Lektion befanden sich in der darauffolgenden. Jeder Kurs kostete einzeln im Schuber („in Karton und Decke“) 18 Mark (70-80 €*) – die beiden Kurse zusammen in zwei Schubern 27 Mark (100-120 €*). Zusätzlich zu den Briefen gab es Beilagen, welche zum Beispiel die Geschichte oder die Besonderheiten der jeweiligen Sprache behandelten.
Langenscheidts Taschenwörterbücher
Die Langenscheidtschen Taschenwörterbücher waren schon früher beliebt und praktisch:

Langenscheidts Taschenwörterbücher sind in jeder Beziehung mit allen Vorzügen ausgestattet, welche die moderne Lexikographie aufzuweisen hat. Sie genügen ihrem Umfang als Taschenwörterbücher entsprechend den weitestgehenden Anforderungen. Wer für die Reise, für die Konversation, in der Schule oder im täglichen Leben ein bequem zu handhabendes Wörterbuch braucht, kann nichts geeigneteres wählen, als Langenscheidts Taschenwörterbücher mit Angabe der Aussprache nach dem phonetischen System der Methode Toussaint-Langenscheidt. (Katalog c1914/18)

Die Taschenwörterbücher boten einen umfassenden Wortschatz von, in der Regel, 50.000 Stichwörtern auf 1000 Seiten, sowie Aussprachebezeichnungen und grammatikalische Ergänzungen. Bis ca. 1916 sind folgende Taschenwörterbücher erschienen oder in Vorbereitung: Böhmisch, Bulgarisch, Dänisch-Norwegisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Griechisch, Hebräisch, Japanisch, Katalanisch, Lateinisch, Neugriechisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Schwedisch, Spanisch, Türkisch, Ungarisch, Francais-Anglaise, Francais-Espagnol, Francais-Italien, Greek-English, Hebrew-English, Latin-English (vgl. Katalog c1914/18). Damit waren und sind die Taschenbücher eigentlich die Grundlage des Verlages: Noch immer werden sie für Beruf und Unterricht verwendet – in allen Varianten.

Auf dieser Website werde ich nach und nach Interessantes über die Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung und die Methode Toussaint-Langenscheidt veröffentlichen. Meine bisherigen Veröffentlichungen (Digitalisierungen, Scans und Aufsätze) können Sie hier aufrufen.
(M. Graver)

* Die Preise sind grob berechnet (Faktor 4.50 € – Stand zwischen 1913 und 1915)

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